Forschungsprojekte im Detail
1. Statement
Vorerst einige interessante und öffentlichkeitswirksame Aspekte der neueren Erkenntnisforschung (evolutionäre Erkenntnistheorie, konstruktivistische Erkenntnistheorie):
- Das "Rot" einer Rose gibt es nicht wirklich, sondern die Farbe "Rot" wird, entsprechend bestimmter Welleneigenschaften des Lichtes, erst im menschlichen Gehirn (Zentralnervensystem) aufgebaut.
- Beim sog. "Urknall" hat es mit Sicherheit nicht geknallt: Denn auch der Schall entsteht, etwa auf der Erdoberfläche, durch minimale Druckschwingungen in der Atmosphäre, welche erst ein tierisches oder menschliches Zentralnervensystem zu einer Schallempfindung aufbauen muss.
- Die "Wirklichkeit", wie wir Menschen sie wahrnehmen, ist eine einzige Illusion. Der Mensch hat weder durch seine Sinnesorgane, noch durch die Methoden der Naturwissenschaften einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit.
- Jede Tierart hat ein artspezifisches Weltbild: die Welt des Hundes ist vornehmlich eine Geruchswelt. Eine Fledermaus orientiert sich durch Echopeiling. Zugvögel können das Erdmagnetfeld förmlich sehen. Den Menschen zeichnet die besondere Fähigkeit zu einer dreidimensionalen Raumwahrnehmung aus. Keine biologische Art, auch nicht der Mensch, kann für sich beanspruchen, die einzig wahre und gültige Wirklichkeit wahrzunehmen.
- Weder in den exakten Naturwissenschaften (Physik, Psychologie, Biologie) noch in den Geisteswissenschaften (Philosophie, Kognitionswissenschaften, Wissenschaftstheorie) besteht heute ein Konsens darüber, was die Wirklichkeit ist.
- Beim "Sehen" des Menschen wird, entgegen einer weit verbreiteten Ansicht, welche selbst noch in Schulbüchern gelehrt wird, kein umgekehrtes Bild auf die Netzhaut (Retina) projiziert. Durch einen komplexen, eigendynamischen Codierungsprozess der sensorischen Nervenbahnen wie des Gehirns wird vielmehr eine vollkommen neue "Wirklichkeit" aufgebaut, welche mit dem Vorbild in keiner Weise identisch ist.
2. Statement
Was ist also die Wirklichkeit?
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a)
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Das neo-positivistische (naturwissenschaftliche) Modell:
Diese sog. „Realismuskonzeption“ vertritt heute noch ein Großteil aller Naturwissenschafter. Sie liegt auch den Erkenntniskonzeptionen von K. Popper (kritischer Rationalismus) oder K. Lorenz (evolutionäre Erkenntnistheorie) zugrunde. |
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b)
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Das Modell des „Konstruktivismus“:
Vertreter u. a.: |
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c)
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Meine Hypothese der "partiellen Isomorphie"
Gingen bisher die empirisch orientierten Erkenntnistheorien davon aus, dass die Wirklichkeit so beschaffen sein müsse wie wir sie wahrnehmen, mit dem Argument, dass wir ansonsten in dieser Welt nicht handeln könnten, so habe ich in meinem Konzept darzulegen versucht, dass sich der Mensch mit seinem hochkomplexen Zentralnervensystem ein weitgehend eigendynamisches, illusionäres Weltbild aufbauen muss, um handeln zu können. Alleine diese Imagination und nicht ein reales Abbild von der Wirklichkeit garantiert das menschliche Überleben in dem vom Entropie Prinzip bestimmten Universum (Vgl. Hofer 1995, Hofer 1998, S 7 ff). |
3. Aufsatz:
Was ist die Wirklichkeit?
Die Frage, was die Wirklichkeit ist, das Erkenntnisproblem also, gehört seit zweieinhalb Jahrtausenden zu den Hauptinhalten der abendländischen Philosophie. Umso bemerkenswerter ist es, dass Philosophie und Wissenschaft bis heute noch keinen eindeutigen Konsens darüber gefunden haben, was wir tatsächlich von der Wirklichkeit wahrnehmen, wenn wir etwa versuchen, diese zu beschreiben. Gegenwärtig gibt es weltweit zwei große Strömungen, wobei sich beide auf Evidenzerfahrungen berufen können:
Der Realismus, zurückgehend auf Aristoteles, behauptet, dass die Wirklichkeit so sein müsse, wie wir sie wahrnehmen. Denn wenn dies nicht so wäre, könnten wir in der Natur nicht handeln und unsere Lebensaufgaben nicht erfüllen.
Der Konstruktivismus, welcher sich teilweise auf Platon zurückführen lässt, behauptet, dass wir zur Wirklichkeit an sich keinen unmittelbaren Zugang haben, dass faktisch alles, was wir wahrnehmen, nur Illusion und Imagination ist, und zwar deshalb, weil all das, was wir wahrzunehmen glauben, erst im menschlichen Zentralnervensystem moduliert und gebildet wird.
Beinahe alle bedeutenden Naturwissenschaftler und Philosophen des 20. Jahrhunderts, von Einstein über Karl Popper bis zu Konrad Lorenz sind dem ersteren, dem realistischen Paradigma zuzurechnen. Kybernetiker, Psychologen, Neurowissenschaftler, Sozialwissenschaftler, die Defizite im ersteren Modell entdecken, vertreten die keineswegs einheitliche moderne Richtung des Konstruktivismus.
Obwohl das Erkenntnisproblem beinahe unendlich komplex ist und zumindest bislang faktisch unlösbar war, lassen sich durch Beobachtungen, Reflexionen und Studien doch immer wieder neue Akzente darin erarbeiten. In meiner Publikation aus dem Jahre 1995 ("Information und Handlung in der evolutionären Erkenntnistheorie") habe ich mit dem Konzept der "partiellen Isomorphie" darzulegen versucht, dass jeder Erkenntnisinhalt des Menschen eine repräsentative, gleichsam abbildende Komponente von der Wirklichkeit enthält aber auch eine konstruktive, eigendynamisch entwickelte. Als Beispiel für letzteres können etwa die Farbempfindungen gelten. Denn in der objektiven Wirklichkeit an sich gibt es, wie die Physik schon seit Newton dargelegt hat, keine Farben sondern nur spezifische Wellenqualitäten.
Im folgenden sei also anhand eines einfachen Beispiels eine Einführung in die aktuelle Erkenntnisproblematik dargelegt, wobei ich für mich beanspruche, in einigen Aspekten einen Lösungsansatz erarbeitet zu haben, der über die gegenwärtige, akademische Erkenntnisdiskussion hinausweist.
Die Gretchenfrage der Philosophie
An einem wunderschönen Herbsttag ging ich als junger Student zu Beginn des Wintersemesters auf den Schlossberg in Graz, um zu spazieren oder wie man es studentisch vornehmer ausdrücken könnte, um zu reflektieren. Nach anstrengenden Vorlesungen in Philosophie hatte ich mir dies zur Gewohnheit gemacht. Als einer meiner Lehrer von der Universität Graz, ein überaus freundlicher, tiefsinniger und schon ergrauter Professor, gerade hinter dem imposanten Uhrturm, dem Wahrzeichen von Graz, hervorkam, fasste ich die Gelegenheit beim Schopf und stellte ihm eine grundlegende Frage zur Erkenntnistheorie und Philosophie:
"Herr Professor", fragte ich nach der Begrüßung, "existiert der Uhrturm hier wirklich so wie wir ihn wahrnehmen oder ist er nur eine menschliche Einbildung, also Illusion und Imagination?"
"Natürlich existiert der Uhrturm wirklich, junger Mann! - Er existiert ebenso wirklich wie der Schlossberg auf dem wir stehen. Kehren wir die Sache einmal um: Wenn der Schlossberg nicht so existieren würde, wie wir ihn wahrnehmen, wie könnten wir uns auf ihm orientieren, wie wäre es dann möglich, auf ihn hinaufzugehen?"
"Es gibt Philosophen, Herr Professor, die sind in diesem Punkt durchaus anderer Meinung."
"Merken sie sich eines, junger Mann: Jeder Anfänger in der Philosophie ist ein Skeptiker, und jeder Skeptiker ist nur ein Anfänger!"
"Danke für das Gespräch, Herr Professor. Auf Wiedersehen."
Ich hatte das Argument des sehr geehrten Herrn Professors bei vielen Seminaren gehört, denn an der Universität Graz gab es unter anderem eine neopositivistische Erkenntnistradition. Aber eines war seltsam: Wenn das jahrtausende alte Erkenntnisproblem so einfach zu lösen wäre, also durch bloße Verifikation, wie ist es dann möglich, dass die Philosophen nicht schon die Jahrhunderte, ja Jahrtausende zuvor zu dieser einhelligen Meinung gekommen sind? Warum kann man praktisch zu jeder Erkenntnisposition irgendwelche widersprüchlichen Ungereimtheiten entdecken?
Nach mehr als 20jähriger Beschäftigung mit dem Erkenntnisproblem bin ich zu einer geradezu gegenteiligen Meinung gekommen wie der Herr Professor auf dem Schlossberg.
Meine These: Wir Menschen bauen uns eine illusionäre Scheinwirklichkeit auf, eine Imagination also, die einzig und allein dazu dient, den Menschen zu eindeutigen Handeln einzuladen. Auf den Punkt gebracht: Der Mensch kann sich nur in einer während einer langen Stammesgeschichte herausgebildeten artspezifischen, nämlich für den Menschen konstruierten Scheinwelt orientieren. Wie die evolutionäre Erkenntnistheorie darlegt, nimmt jede höhere biologische Tierart die Wirklichkeit anders war. Die absolut objektive Wirklichkeit gibt es nicht. Alles, was etwa der Mensch wahrnimmt, wird durch sein hochkomplexes Zentralnervensystem (Gehirn) moduliert und konstruiert. Darauf beruht u. a. das moderne Paradigma des Konstruktivismus.
Zur Erklärung des eben Behaupteten möchte ich zwei Zitate aus meiner Veröffentlichung aus dem Jahre 1998 anführen:
"Es ist Frühjahr. Ich gehe über eine zart grünende Wiese, erfreue mich am gelben Löwenzahn, blicke hin zum Dunkelgrün des Fichtenwaldes am Ende des Feldes, lasse meinen Blick weiter schweifen in das Azurblau des Himmels und bin schließlich geblendet vom gleißenden Licht der Morgensonne. Ich schließe die Augen und vernehme das heftige Gezwitscher der Meisen. Von irgendwo in der Ferne höre ich das Gebell eines Hundes. Die Luft ist satt vom Geruch der feuchten Erde. - Eine Landidylle, könnte man sagen; ein wenig märchenhaft, aber doch wirklich, denn alles, was ich erlebe, empfinde ich durch meine eigenen Sinne.
Unter Berücksichtigung unseres epistemologischen Wissens bin ich zur Annahme genötigt, dass nichts, was ich an jenem Frühlingsmorgen erlebt habe, in der `Realität an sich´ so existiert, wie ich es erlebt habe. - In der `Realität an sich´ gibt es weder Farben, Formen und Laute, noch gibt es ein Hell und Dunkel oder irgendwelche Gerüche. Alle diese Eigenschaften, welche wir Dingen zuschreiben, sind Konstruktionsleistungen unseres eigenen Bewusstseins.
Unser Zentralnervensystem moduliert aus physikalisch quantifizierbaren Wellenqualitäten Licht- und Farbempfindungen, wandelt Druckschwingungen in der Atmosphäre in Schallempfindungen um und schafft aus kleinsten Molekularbestandteilen in der Atmosphäre durch einen komplexen Codierungsprozeß Geruchsempfindungen. Geschmack, Temperaturempfinden, Tastgefühl oder die Unterscheidung von Hell und Dunkel entstehen in ähnlicher Weise.
Es ist erstaunlich, dass der gebildete Mensch der Gegenwart zwar über ein komplexes astronomisches, biologisches, geographisches oder historisches Wissen verfügen mag, dass aber dies Sicht einer illusionären, fragmentarischen Gesamtwirklichkeit nicht zu seinem Bildungsgut gehört" (Hofer 1998).
Die hier dargestellte Erkenntnisposition ist in der Geschichte der Philosophie nicht neu. Schon der englische Empirist John Locke (1632 - 1704) hatte etwa argumentiert, dass primäre Eigenschaften wie Ausdehnung, Gestalt, Quantität usw. den Dingen an sich zukommen, dass aber sekundäre Eigenschaften wie Farbe, Geruch, Temperatur usw. Konstruktionen des Menschen sind. Bislang gab es aber keine Erklärung dafür, was der Sinn dieses imaginären Wirklichkeitsaufbaus sei. Abgesehen davon, dass John Locke insofern irrte, als auch die primären Qualitäten als Konstruktionen des menschlichen Bewusstseins anzusehen sind.
"Es erhebt sich nun die Frage, was etwa in unserer sensorischen Erkenntnis der Sinn eines am Beginn des Abschnittes beispielhaft skizzierten illusionären Wirklichkeitsaufbaues sei. (Warum wir also Gegenstände sehen, hören, riechen usw., wenn diese in der Wirklichkeit an sich mit Sicherheit nicht in jener anschaulichen Form existieren, wie wir sie wahrnehmen.)
Meine eigenen Untersuchungen haben mich zur Einsicht geführt, dass sich der Mensch als biologisches Wesen aus einer hypothetisch anzunehmenden Wirklichkeit ein konturenscharfes, kohärentes Weltbild aufbaut, das zu eindeutigem, aktivem Handeln einlädt. - Der Handlungsaspekt ist der entscheidende Punkt!
Jeder biologische Organismus stellt in der dem Entropieprinzip unterworfenen Gesamtnatur mit seinem Ordnungsgefüge eine stets störanfällige Ausnahmeerscheinung dar. Zu seinem Bestand bedarf er einer Information von der Außenwelt, um durch ein entsprechendes Verhalten seine Existenz relativ abzusichern.
Stoffe mit hoher Molekularbewegung würden jeden biologischen Organismus zerstören. Höhere Tiere mit einem ausgeprägten Nervensystem verifizieren durch ihre Sinnesorgane nicht die Molekularbewegung an sich, sondern sie bauen sich aus einer vitalen Basisinformation durch eigendynamische Konstruktionsbeiträge eine Hitzeempfindung auf, welche sie solcherart gefährliche Umgebungen durch ihr Verhalten meiden lässt. Die Hitzeempfindung im Organismus erscheint somit nicht als eine willkürliche Laune der Natur, sondern sie hat den teleonomen Zweck einer Handlungsverstärkung…
Wir dürfen also die Wirklichkeit an sich mit einem Filmnegativ vergleichen, auf welchem ein ungeübter Betrachter kaum relevante Konturen wahrzunehmen vermag. Erst unsere Sinnesorgane einschließlich des Zentralnervensystems verwandeln dieses konturenarme Negativ in ein konturenscharfes, aber vom Original sehr stark verzerrtes Positiv, welches zu eindeutigem Handeln einlädt" (Hofer 1998).
Liest man neuere Literatur zum Erkenntnisproblem, so fällt einem auf, dass selbst innerhalb der Vertreter des Konstruktivismus keineswegs ein einheitlicher Konsens darüber besteht, was die Wirklichkeit sei oder philosophisch formuliert, wie gültig das menschliche Erkenntnisvermögen ist. Die hier dargestellte Position kann also durchaus als Bereicherung in der bisherigen Erkenntnisdiskussion angesehen werden, wenngleich auch hierbei noch viele Fragen offen bleiben.
Das Konzept der partiellen Isomorphie
Wenn wir also behaupten, dass die Wirklichkeit, so wie wir sie wahrnehmen, eine Konstruktion des Menschen ist, wie ist es dann möglich, dass etwa einzelne Präzisionsteile in der Weltraumfahrt und Flugzeugtechnik mit tausendstel Millimeter Genauigkeit hergestellt werden können? Offensichtlich ist nicht alles, was der Mensch wahrnimmt, konstruiert! Es muss auch Bereiche geben, welche mit großer Exaktheit vom Objektbereich vorgegeben sind.
Gemäß meiner Hypothese von der "partiellen Isomorphie" in der sensorischen und wissenschaftlichen Erkenntnis beruht jede Wirklichkeitserfahrung auf Repräsentation und Konstruktion.
"Repräsentation" bedeutet entsprechend meinem Konzept von der "partiellen Isomorphie" Umweltinformation von der Außenwelt. "Konstruktion" bedeutet eigendynamische biologische Erweiterung der repräsentativen Außenweltinformation zur Verhaltensauslösung bzw. Handlungsverstärkung, wie z. B. die Schall- oder Farbempfindung.
Vollkommen unklar und unerforscht ist dabei, welche Quantitäten und Qualitäten repräsentativ (also vom Objektbereich bestimmt sind) und welche Erkenntnisinhalte vom Subjekt eigendynamisch konstruiert sind. Ich habe in diesem Zusammenhang der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen Vorschlag für ein interdisziplinäres Forschungsprogramm übermittelt (Vgl. Brief an die österreichische Akademie der Wissenschaften vom 4. Juli 2007).
"Kultur und Kreativität - Aufstieg und Fall der Hochkulturen"
(Johannes Hofer, 1988)
Die Grundposition meiner 1988 veröffentlichten historischen und geschichts-philosophischen Arbeit hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Moderne wissenschaftstheoretische und philosophische Strömungen wie der Konstruktivismus oder die Theorie der sozialen Selbstorganisation scheinen meine Hypothesen zu bestätigen, auch wenn diese Begriffe in meiner Arbeit noch nicht explizit erwähnt werden.
Gemäß dem modernen Paradigma kann man etwa das spontane Entstehen von Hochkulturen als Emergenzphänomen betrachten, wobei das neu entstandene System sich nicht kausal auf die Vorbedingungen zurückführen lässt. - Ebenso wenig wie man etwa eine Lawine auf gewisse Eigenschaften von Schneeflocken reduzieren kann, ist es also zweckdienlich für den Geschichtsverlauf vorwiegend "objektive" und rational fassbare (z. B. ökonomische) Faktoren in Betracht zu ziehen.
Nach dem herkömmlichen Geschichtsbild hat der vernunftbegabte Mensch Kraft seines Verstandes und seines Handlungspotentials in den technischen Fertigkeiten eine immer höhere Kulturstufe errungen. Tatsächlich sehen wir jedoch am Beispiel der primären Hochkulturen, dass in den frühen Theokratien vieles religiös und irrational motiviert war und dass gewisse Fertigkeiten, etwa beim sakralen Monumentalbau, erst sekundär für den profanen (und militärischen) Zivilisationsstandard verwendet wurden.
Der dominante Einfluss des Irrationalen und Religiösen in der Geschichte hat sich in unserer aufgeklärten Neuzeit u. a. in Ideologien und sog. "ökonomische Sachzwänge" gewandelt. Der "homo faber", welcher sich seine Kultur durch seine Vernunft willentlich gestaltet, war zu allen Zeiten eine Illusion. Ein überproportional hoher Anteil des Geschichtsverlaufes ist zufallsbedingt bzw. entspringt den unkalkulierten Nebenkonsequenzen menschlicher Handlungen.
Ich habe "Kultur und Kreativität - Aufstieg und Fall der Hochkulturen" vor mehr als zwanzig Jahren, noch als Student, abgefasst. Vieles würde ich heute darin anders darstellen und akzentuieren. Vor allem haben mich aber meine erkenntnistheoretischen, philosophischen und zivilisationskritischen Untersuchungen darin bestärkt, dass meine Sicht eines irrational bestimmten Geschichtsverlaufes eine ungebrochene Aktualität besitzt.
Auch die Eigendynamik unserer Zivilisation, welche sich immer mehr unabhängig von einem gewollten menschlichen Planen und Handeln vollzieht, bestärkt letztendiglich meine Thesen. Der Mensch als Gestalter wird mit der zunehmenden Komplexität des Geschichtsverlaufes selbst immer mehr zum Gestalteten. Kein Mensch ist heute tatsächlich in der Lage, das sozialkulturelle Dasein nachhaltig zu beherrschen. Deshalb sind letztendiglich auch alle Sozialutopien ausnahmslos gescheitert.
Meine erkenntnistheoretischen und zivilisationskritischen Arbeiten "Information und Handlung in der evolutionären Erkenntnistheorie" (Münster 1995) sowie "Drei Grenzen der menschlichen Existenz - eine anthropologische Zivilisationskrititk" (Frankfurt/Main 1998) stehen also im Kontext meiner geschichts- und kulturphilosophischen Auffassungen.
Ergänzender Kommentar zu Johannes Hofer,
Kultur und Kreativität - Aufstieg und Fall der Hochkulturen (1988)
Im Kern liegt sowohl meiner Theorie über die Entstehung von primären Hochkulturen wie auch den Hypothesen über den Untergang der Maya-Hochkultur ein einfaches Konzept zugrunde.
Die kausal-mechanistische Denkweise wonach für so hochkomplexe Phänomene wie Hochkulturen nur eine oder nur wenige Ursachen maßgeblich sein sollen wird in Frage gestellt. (Nicht die Notwendigkeit einer organisierten Bewässerung oder
Nahrungsmittelüberschüsse waren für den Aufstieg maßgeblich, ebenso wenig waren meiner Ansicht für den Untergang der klassischen Maya-Hochkultur Nahrungsmittelmangel oder Wassermangel bestimmend.)
Wenn man das Paradigma der Selbstorganisation für die Dynamik der Hochkulturen anwendet, ergibt sich daraus beinahe von selbst, dass sowohl der Aufstieg wie deren Untergang weitgehend eigendynamisch bestimmt ist. Im Fall des Untergangs der klassischen Maya-Hochkulturen war also meiner Ansicht nach ein Paradigmenwechsel im religiösen Weltbild maßgebend, Säkularisationsprozesse, Ablöse sakraler Eliten durch militärische Hierarchien usw.).
Neben der Theorie der Selbstorganisation habe ich in meinen Konzepten zur Dynamik der Hochkulturen auch das Paradigma des Konstrukturismus praktisch vorweggenommen, als dieses in den USA um 1980 im Entstehen war. Demnach sind etwa religiöse Ideen nicht als leere Metaphysik zu betrachten, sondern als handlungsrelevante und verhaltensteuerende Parameter.
Auch Aspekte der Chaos-Theorie (kleine Ursache - große Wirkung) scheinen meine Theorievorschläge zu bestätigen.
Natürlich sind in meiner bereits von 20 Jahren publizierten Veröffentlichung Fehler und Fehldeutungen möglich, die Grundkonzeption meiner Anschauung ist jedoch klar ersichtlich und wird dadurch meiner Ansicht nach nicht berührt.
Kurze Zusammenfassung aus dem Buch
"Kultur und Kreativität - Aufstieg und Fall der Hochkulturen"
von Johannes Hofer, Seite 142 ff.
Der Untergang der klassischen Maya-Hochkultur wird vielfach auf ökonomische Ursachen (z. B. Wassermangel, Auszehrung des Ackerbodens) zurückgeführt. In meinen Thesen war der Untergang der Maya-Hochkultur durch einen Machtverlust der sakralen Eliten als staats- und kulturtragende Instanzen bedingt, welche in weiterer Folge durch militärische Hierarchien abgelöst wurden. Die militärischen Führer am Ende des ersten Jahrtausends nach Christus waren nicht in der Lage, den hohen Kulturstandard aufrecht zu erhalten (vgl. Niedergang des Alten Reiches von Ägypten).
Die Ursache des Machtverlusts der sakralen Eliten ist einerseits in der Konkurrenz durch militärische Eliten bedingt, andererseits auch auf einen Paradigmenwechsel im überaus komplexen religiösen Weltbild der Maya zurückzuführen. (Die manische Zeitritualisierung war auf die Dauer weder emotional noch intellektuell zu bewältigen. - Folgen: Abnehmendes Vertrauen des Volkes in die Religion und ihrer Führer, "sophistische Aufklärungsbewegung" innerhalb der sakralen Eliten.)
In meinen bereits 1988 veröffentlichten Hypothesen über die Hochkulturen habe ich moderne erkenntnistheoretische und systemtheoretische Anschauungen vorweggenommen, wie z. B. die Theorie der sozialen Selbstorganisation, die Chaostheorie oder den epistemischen Konstruktivismus.
Evolutionäre Lebensdynamik - Phylogenetische und genealogische Untersuchungen des menschlichen Sicherheits- und Glücksempfindens
1.) Was ist evolutionäre Lebensdynamik (ELD)?
Stark vereinfacht ausgedrückt könnte man die evolutionäre Lebensdynamik als Glücksforschung beschreiben, welche sich an der Phylogenese (Stammesgeschichte) des Menschen orientiert.
Sowohl in der Terminologie als auch in der Methode war und ist mir beim Konzept der evolutionären Lebensdynamik die evolutionäre Erkenntnistheorie (EE) ein Vorbild, welche, anders als die meisten übrigen wissenschaftlichen Disziplinen, naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Aussagen vereint.
Beinahe alle bedeutenden Vertreter der ebenfalls noch jungen, evolutionären Erkenntnistheorie waren oder sind Naturwissenschafter, wobei sich dabei für die bisherige philosophische Erkenntnislehre gänzlich neue Perspektiven ergaben. Eine der Hauptaussagen der evolutionären Erkenntnistheorie ist das Postulat, dass Erkenntnis bzw. Informationsgewinn aus der Umgebung eine essentielle biologische Funktion ist. Der phyloyentisch evoltierende Wissenserwerb stellt für alle höheren
biologischen Organismen, einschließlich dem Menschen, die Grundlage des Verhaltens wie der Handlungen dar. Diese plausibel erscheinende Einsicht ist dennoch revolutionierend, denn bisher hatte die philosophische Erkenntnislehre seit ihrem ersten theoretischen Anfängen bei Platon (427 - 347 v. Chr.) und Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) beinahe zweieinhalb Jahrtausende den Standpunkt vertreten, dass Erkenntnis nicht dem menschlichen Verhalten, sondern der "Wahrheit" zu dienen
habe, was immer man unter letzterem verstehen mag.
Eine wesentliche strukturelle Erweiterung findet die evolutionäre Erkenntnistheorie in der evolutionären Ethik, welche u. a. die stammes-geschichtlichen Grundlagen der Moral beim Menschen untersucht, sowie moralanaloges Verhalten bei Tieren. Zu letzteren zählen etwa die Brustpflege sowie die Aufzucht der Jungen.
Beinahe alle an der Biologie, Zoologie und Phylogenese orientierten natur-wissenschaftlichen Disziplinen, wie etwa auch die Verhaltensforschung oder die Soziobiologie, sind von anderen wissenschaftlichen Disziplinen, teilweise möglicherweise zu Recht, dem Vorwurf ausgesetzt, das Verhalten und Handeln des Menschen zu determistisch zu beschreiben und zu erklären. Mit anderen Worten: Den Erbanlagen wird bei der Formung der menschlichen Individualität eindeutig der Vorzug gegeben vor milieutheoretischen Konzepten.
Auch auf die alte Streitfrage, ob Nativismus oder Milieutheorie weiß die hier erstmals vorgestellte "evolutionäre Lebensdynamik" eine vorläufige und hypothetische Antwort zu geben:
Weder die Erbanlagen noch die Umwelt sondern die relativ autonomen eigendynamischen Konstruktionen des menschlichen Zentralnervensystems werden als primärste Quelle des menschlichen Erlebens und Handelns angesehen. (Somit erscheint für die ELD nicht nur die EE als Vorbild, sondern auch dessen erkenntnistheoretischer Widerpart, der sog. "Konstruktivismus", welchen Paul Watzlawick treffender als "Wirklichkeitsforschung" bezeichnet hat.)
Die an der Phytogenese orientierte evolutionäre Lebensdynamik, welche auch das "existentielle Sicherheitsbedürfnis" und Sicherheitsempfinden bei Tieren untersucht, sieht eindeutig und viel stärker als die übrigen phylogenetisch orientierten Disziplinen die Sonderstellung des Menschen in der belebten und unbelebten Natur.
Um beim erkenntnistheoretischen Ansatz- und Ausgangspunkt zu verbleiben. - Die motorischen Nervenbahnen stehen mit den sensorischen Nervenbahnen zu den sogenannten Interneuronen (Zentralnervensystem) in einem Verhältnis von 1:10:100 000, wobei die Interneuronen beim Menschen eine von der Außenweltinformation relativ abgekoppelte Eigendynamik zu entwickeln vermögen. Allein aus diesem naturwissenschaftlich empirisch begründeten Faktum und nicht etwa aus einer metaphysisch philosophisch überhöhten Wertung leitet sich eine Sonderstellung des Menschen ab, wobei die Spirale der damit verbundenen neuen Emergenzphänomene damit noch nicht berücksichtigt ist. Eines dieser Emergenzphämone ist die wissenschaftlich schwer zu beschreibende und quantifizierende Empfindung von "Glück" im Menschen.
2.) Postulate der evolutionären Lebensdynamik (ELD). Vorläufige Auswahl aus meinen bisherigen Untersuchungen
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a)
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Das Grundstreben des Menschen richtet sich nicht, wie von Aristoteles bis heute fälschlicherweise angenommen wurde, nach Glück, sondern nach "existentieller Sicherheit" |
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b)
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Alle biologischen Organismen, also auch Pflanzen, Tiere sowie die Menschen stellen in dem vom Entropie-Prinzip beherrschten Universum störanfällige Ausnahmeerscheinungen dar. Der Hauptzweck ihres zeitlich beschränkten i n d i v i d u e l l e n Daseins ist es, ihre eigene Existenz abzusichern, d. h. ihre "existentielle Sicherheit" zu erhalten bzw. zu erhöhen. |
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c)
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Die "existentielle Sicherheit" des Menschen kann, wie die jedes höheren biologischen Organismus, durch annähernd unendlich viele Faktoren gestört werden. Sie kann aber auch durch annähernd unendlich viele Faktoren erhöht gesteigert und relativ optimiert werden. Somit ist ein dominantes Konzept der zeitgenössischen Glücksforschung, welches den Zustand vom "Glück" ("flow") eher monistisch und universell sieht, zu hinterfragen. |
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d)
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"Glück" ("flow") ist vom Standpunkt der evolutionären Lebensdynamik nicht mehr und nicht weniger als ein Indikator dafür, wenn die "existentielle Sicherheit" beim Menschen in einem oder mehreren Bereichen als ausreichend empfunden wird. |
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e)
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Die Wahrnehmung des relativen Zustandes von existentieller Sicherheit unterliegt epistemischen Täuschungen. Ein Mensch kann sich beispielsweise in existentieller Unsicherheit wiegen, etwa wenn er an pathologischen Ängsten leidet, obwohl er sich objektiv im Zustand der Sicherheit befindet.
Durch den beschränkten epistemischen Zugang zu uns selbst weiß insbesondere der Mensch der hochkomplexen Zivilisation in seinem Verhalten nicht mehr, was für ihn gut ist und was nicht. (Bezug zur Erkenntnistheorie und Psychoanalyse). |
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f)
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"Glück" ("flow") beruht nicht darauf, wie von den antiken Glückslehren bis heute behauptet wurde, dass es dann entstehen würde, wenn sich etwa ein Mensch einen Wunsch erfüllte. (Noch bei S. Freud erscheint dieses Motiv in der Dominanz des Luststrebens).
Eine der wesentlichsten Voraussetzungen zur Entstehung und zum Erleben eines positiven Gefühls, welches man gemeinhin als "Glück" bezeichnet (im Sinne von glücklich sein), ist die Aktivität des interessierten, außenweltbezogenen Menschen in seiner Umwelt. Man kann es vom Standpunkt der evolutionären Lebensdynamik spezifizieren und konkretisieren: Aktives Interesse an der Umwelt schafft Glück und hebt in der Regel zugleich die "existentielle Sicherheit" eines Individuums, weil es gemeinhin dem Leben förderlich ist.
Als eine der höchsten Formen des Glücks (es gibt dazu wie erwähnt viele Wege) gilt von Standpunkt der evolutionären Lebensdynamik die Euphorie, das tiefe emotionale Interesse und die Begeisterung für eine Tätigkeit, für eine Sache, für eine Idee oder für einen Menschen. |
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g)
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Desinteresse, Apathie, Ablenken von den Belangen der Außenwelt und zu starke Egozentrik, Passivität usw. sind vom Standpunkt der evolutionären Lebensdynamik sowohl Symptome als auch Ursache von "unglücklich Sein" und damit verbunden mit einer herabgesetzten "existentiellen Sicherheit".
Aber selbst hierin gibt es kein Absolutum: Wer lange aktiv war, etwa nach einem schweren Arbeitstag oder nach einer ausgiebigen Bergwanderung, der wird auch die Ruhe und Passivität als angenehm empfinden. Wer durch die vielen Herausforderungen und Aufgaben unserer dynamischen Zivilisation an einer Reizüberflutung leidet, wird die Einkehr zu sich selbst, die stille Meditation und die Wiederentdeckung des "Ich" als angenehm und glücksbringend erleben.
(Meditation und Egozentrik können vom Standpunkt der ELD keine Weltanschauung und kein Lebensziel für sich selbst darstellen. Sie sind als passive Komponenten im menschlichen Dasein nur dann von großem Wert, wenn auch der aktive Gegenpol des außenweltbestimmten Interesses und der Handlung vorhanden sind). |
Eine Vorstudie zu diesen Postulaten habe ich in meiner Veröffentlichung "Drei Grenzen der menschlichen Existenz - Eine anthropologische Zivilisationskritik" 1998 dargelegt. (Vergl. Seite 98 bis Seite 112, Kapitel III/2 "Glück und Sicherheit").
Gegenwärtig bin ich damit beschäftigt, meine bisherigen Untersuchungen und Vorstudien zur evolutionären Lebensdynamik in Buchform zusammenzufassen, eine Arbeit, welche ich gegebenenfalls zu einer Habilitation erweitern werde.
3.) Zur wissenschaftstheoretischen und praktischen Bedeutung der evolutionären Lebensdynamik
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a)
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Wie in der Spätphase der Antike oder anderen komplexen soziokulturellen Evolutionsstadien führt auch die von jedem menschlichen Wollen unabhängige Eigendynamik unserer Zivilisation zu einer Rückbesinnung auf das eigene Ich, auf das was "Glück" sein könnte, auf den Sinn des Daseins. Die evolutionäre Lebensdynamik ist somit als aktuelle, innovative, wissenschaftliche Disziplin nicht nur von einer hohen theoretischen, sondern auch von einer großen praktischen Bedeutung in unserer Gesellschaft und kann dabei einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Glücksforschung liefern. |
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b)
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Die evolutionäre Lebensdynamik unterliegt u. a. dem konstruktivistischen Paradigma der "Theorie der Selbstorganisation". - Die Möglichkeiten und Bedingungen "existentielle Sicherheit" zu erlangen bzw. "Glück" zu erfahren, werden demnach als variabler, selbstorganisatorischer Prozess angesehen, welcher von den kulturspezifischen und aktuellen individuellen Lebenssituationen mitgeformt wird. |
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c)
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Je nach Sichtweise kann die evolutionäre Lebensdynamik als Spezialfall in der Soziobiologie aufgefasst werden, oder umgekehrt. |
Neben meinen wissenschaftlichen Studien führe ich seit mehreren Jahren ein philosophisches Tagebuch. Im folgenden ein Ausschnitt daraus:
Zur Evolutionstheorie von Charles Darwin
17. November 2007
(Ausschnitt aus meinem philosophischen Tagebuch)
Heute ist ein trüber und kalter Novembertag. Ich konnte heute bei der Beobachtung von Haustieren wiederum ein Phänomen wahrnehmen, welches mir schon in der Vergangenheit oftmals aufgefallen ist.
Wir haben zwei dreifärbige, ungewöhnlich schön und bunt gemusterte Katzen auf unserem Hof. An diesem kalten Novembertag also, das bemerkte ich durch Zufall, sind zwei weitere weibliche Katzen von irgendwo her zu unserem Hof gekommen. Dabei gibt es zwei Besonderheiten!
Erstens:
Die zugezogenen Katzen hatten eine annähernd gleiche dreifärbige Musterung wie unsere Hofkatzen.
Zweitens:
Die kalte, ungewohnte Witterung stellte für die zugezogenen und offensichtlich verwilderten Katzen eine vitale Extremsituation dar. Sie waren abgemagert, scheu und litten an Hunger.
Aber warum kamen gerade Katzen mit der gleichen Färbung? Stand dies im Zusammenhang mit dem von mir schon des öfteren beobachteten Phänomens der Gruppenharmonie? - "Gruppenharmonie" bedeutet in diesem Kontext das Bestreben von höheren tierischen und menschlichen Individuen sich in einer artgleichen Kleingruppe mit ähnlichen Eigenschaftsmerkmalen aufzuhalten. Meine erste Zwischenhypothese: Die fremden Katzen wären nicht auf unseren Hof gekommen und geblieben, wenn sie hier nicht Katzenkolleginnen von der annähernd gleichen Färbung angetroffen hätten!
Ich versuche diese auf einer aktuellen Beobachtung begründete
"Zwischenhypothese" weiterzuverfolgen und schon tun sich für die klassische
Evolutionstheorie des Charles Darwin (1809 - 1882) einige neue Aspekte auf.
Der im Zeitalter des 19. Jahrhunderts aufgestellte Mechanismus von
Mutation und Selektion reicht nicht aus, um die Dynamik der Evolution zu
erklären. Die darwinistische Evolutionstheorie muss vermutlich u. a. um einen
weiteren gruppendynamischen, sozialen Aspekt ergänzt werden.
Meine vorläufige Ergänzungshypothese: Mutationen mögen rein zufällig sein
(obwohl ich an anderer Stelle in meinem philosophischen Tagebuch dargelegt habe,
dass dies auch anders sein könnte. Mutationen könnten demnach durch noch nicht
erforschte Informationsbrücken auch aufgrund existentiell vitaler Bedürfnisse auftreten). Die Selektion wirkt in der klassischen Evolutionstheorie entsprechend dem Paradigma der Physik Isaak Newtons wie die bewegenden Kräfte der Physik von außen. Auch diese Anschauung wäre durch die erwähnte selbstorganisatorische innere Dynamik zu ergänzen.
Und im folgenden also der gruppendynamische, soziale Aspekt: Individuen
einer Art, welche durch Mutation einen geänderten Genotyp repräsentieren,
stellen durch eine „zufällige“ Mutation auch einen geänderten Phänotyp dar. Sie
weichen beispielsweise in einer bestimmte Färbung von anderen Individuen der
gleichen Art ab. - Der entscheidende Punkt: Haben Individuen durch
"zufällige" Mutationen ähnlich oder gleiche "Merkmale", so begünstigen diese
Merkmale eine innovative, relativ kohärente Kleingruppenbildung.
Diese relativ homogene Kleingruppe, welche im faktischen
Evolutionsgeschehen (im Unterschied zur künstlichen Zuchtwahl) nur aus einem
weiblichen und einem männlichen Individuum bestehen kann, führt in der
Reproduktion die Evolution in eine bislang nicht beachtete Dynamik und Richtung.
(In der klassischen Evolutionstheorie war die begünstigte Reproduktion ebenfalls
ein zentrales Thema. Sie galt jedoch insgesamt als mechanistisch bestimmt,
zufällig und nicht gerichtet mit allen daraus resultierenden Konsequenzen für
das Weltbild und die Philosophie um das Leben, den Menschen, die Natur und die
Kultur).
Ein wesentlicher Punkt von Kritiken der klassischen
Evolutionstheorie wäre damit nach meinen Hypothesen ausgeräumt: Die Ansicht,
dass etwa das menschliche Auge gemäß der mechanistischen Erklärung durch reinen
Zufall entstanden wäre und dass dafür die anberaumte Zeit in der
Evolutionsgeschichte nicht ausreichen würde.
Eine Zwischenfrage: Darwin hat seine berühmte Publikation von 1859 rund
20 Jahre nach seinen Beobachtungen im Rahmen der Forschungsseereise auf der
"Beagle" gemacht. Hat er den Aspekt der "Gruppenharmonien" übersehen? Hatte er
tatsächlich auch Tiere oft genug in Extremsituationen beobachtet? Waren seine
verallgemeinerten Beobachtungen für eine universelle Theorie ausreichend oder
müssen nicht ergänzende Beobachtungen zwangsläufig zu einer Ergänzung bzw.
Revidierung der klassischen Evolutionstheorie führen?
Ergänzende Bemerkungen und Erläuterungen zur Tagebucheintragung:
Der Evolutionsgedanke war im 19. Jahrhundert schon lange von Charles Darwin bekannt. Jean Baptiste de Lamarck (1744 - 1829) begründete rund fünfzig Jahre vor Darwin eine Evolutionstheorie, welche sich auf der "Vererbung erworbener Eigenschaften" gründete. Er nahm dabei eine aktive Selbstanpassung der Organismen an die Umwelt an.
Die Evolutionstheorie von Lamarck ist, ebenso wie jene von Geoffroy St. Hilaire (1772 - 1844), Cuvier (1769 - 1832), Darwin (1809 - 1882), Wagner (1813 - 1887) oder DeVries monistisch. Alle diese früheren Theorien führen also das überaus komplexe, kybernetisch und selbstorganisatorisch organisierte Geschehen der Biologie und Evolution auf nur einen einzigen dominanten
Veränderungsfaktor zurück. Dieser Monismus, welchen auch Darwins Konzept auszeichnet, ist zugleich ihr größter Mangel.
Aber auch in der Züchtung von Nutzpflanzen und Haustieren war das Entstehen neuer Lebensformen durch "künstliche Zuchtwahl" schon vor Darwin bekannt. - Während also das Grundprinzip der "künstlichen Zuchtwahl" ohnedies nur auf einer gruppendynamischen Einflussnahme im Weg der vom Menschen gesteuerten Reproduktion beruhen konnte, vertrat Darwin in seiner Theorie der "natürlichen Zuchtwahl" einen autonomen, monistischen, mechanistischen und kausalen Prozess nach den Prinzipien der rein zufälligen Mutation und Selektion.
Erste Entdeckung
Im Jahre 1988 fand mein ehemaliger Schulkamerad und damaliger Maschinenring-Geschäftsführer Johann Schober, wohnhaft in 8644 Mürzhofen, Kirchengasse 21, am Fuß des sog. Busseggerkogels (Gemeinde Krieglach, Katastralgemeinde Malleisten) in einem kleinen Rinnsal ein Bronzebeil aus der frühen Hallstatt-Zeit. Das Alter des besonders schön geformten und 18 cm langen Randleistenbeils wurde vom Bundesdenkmalamt mit 2800 Jahren bestimmt.
Da ich heimatkundlich sehr interessiert bin, machte ich noch im selben Jahr Begehungen in diesem Gebiet und entdeckte am Südhang des Busseggerkogels die Reste einiger Terrassen, die möglicherweise künstlich angelegt waren und aus urgeschichtlicher Zeit stammen könnten, weiters einen behauenen Stein mit einer ornamentalen Eingravierung sowie einen Lochstein. (Die Eingravierung ist nach neueren Recherchen mit großer Wahrscheinlichkeit neuzeitlich).
Ein Jahr darauf, als ich meine Recherchen fortsetzte, entdeckte ich am Südhang des benachbarten Karnerkogels noch ausgeprägtere Terrassen, sowie eine größere Anzahl behauener Steine. Ganz oben auf dem Karnerkogel, der im Gegensatz zu den anderen Anhöhen der Umgebung von einer ungewöhnlich dicken Humusschicht bedeckt war, entdeckte ich eine ausgeprägte Geländeabstufung, die ich im Zusammenhang mit den südlichen Terrassenabstufungen sah und ebenfalls für urgeschichtlichen Ursprungs hielt.
Bei der Rückfrage bei einer offiziellen archäologischen Institution in Graz erklärte man mir, entsprechend des damaligen Wissens- und Forschungsstandards, dass es im Mürztal keine ausgeprägten Zeugnisse urgeschichtlicher Kulturen gäbe.
Tatsächlich war das Mürztal vor fünfzehn Jahren noch ein weißer Fleck auf der archäologischen Landkarte.
Zweite Entdeckung
In den Jahren 1995, 1996 und 1997 fand auf dem Georgiberg in Kindberg eine offizielle, archäologische Ausgrabung unter der
Grabungsleitung des renommierten steirischen Archäologen und Lehrbeauftragten an der Universität Graz, Dr. Wolfgang Artner, statt. Im Rahmen dieser Grabung wanderte Dr. Artner auf mehrere exponierte Anhöhen des Mürztales, darunter auch auf den Karnerkogel bei Krieglach und entdeckte dabei ganz oben jene bereits erwähnte Geländeabstufung, die er mit dem Auge des Fachmanns sofort als die Reste eines urgeschichtlichen (keltischen bzw. urnenfelderzeitlichen) Befestigungswalles erkannte.
Dritte Entdeckung
Ungefähr ab dem Jahr 2000 intensivierte ich meine heimatkundlichen und urgeschichtlichen Recherchen im Mürztal wesentlich und besuchte zu diesem Zweck als Gasthörer auch Vorlesungen am Institut für Archäologie der Universität Graz. Vor einer dieser Lehrveranstaltungen bei Herrn Dr. Artner überreichte ich ihm das 1988 aufgefundene Bronzebeil bei Krieglach mit der Frage, ob in Krieglach und Mürzhofen nicht urgeschichtliche Siedlungsplätze zu vermuten wären. Herr Dr. Artner berichtete mir sofort von
seiner Entdeckung in Krieglach, wobei ich annehmen musste, dass dieser Fund bei den offiziellen Stellen längst registriert und in der entsprechenden Literatur erwähnt sei.
Erst ein oder zwei Jahre später, nach einer Anfrage beim Gemeindeamt Krieglach wurde mir bewusst, dass niemand von der dortigen Bevölkerung von der Existenz dieser urgeschichtlichen Höhensiedlung wusste und natürlich war sie auch in der überaus professionell dargestellten Ortschronik (1993) von Krieglach durch Herrn Univ. Prof. Pickl nicht erwähnt.
Im Frühjahr 2005 bat ich Herrn Dr. Arnter telefonisch um eine gemeinsame Besichtigung jener urgeschichtlichen Siedlungsstelle. Am 19. Mai 2006 kam es zu einem ersten Zusammentreffen beim Gemeindeamt Krieglach von Herrn Dr. Artner, Frau Bürgermeister DI Schrittwieser, meiner Frau und mir, sowie zu einer anschließenden Begehung auf dem Karnerkogel. Im Laufe der Kontaktaufnahme mit Herrn Dr. Artner erkundigte ich mich auch um die Möglichkeit einer Ausgrabung durch Archäologen. Herr Dr. Artner schlug im Beisein von Frau Bürgermeister die Variante in Zusammenarbeit mit dem "Archäologieland Steiermark“ vor, wobei eine ausgebildete archäologische Fachkraft sowie 6 Langzeitarbeitslose ein halbes Jahr eine fachgerechte Ausgrabung durchführen sollten.
Am Faktum einer befestigten, urgeschichtlichen Siedlung auf dem Karnerkogel bestand nun kein Zweifel mehr, wobei Dr. Artner sie für urnenfelderzeitlich hielt, d. h. für vorkeltisch aus der Zeit um 800 v. Chr.. In weiterer Folge versuchte ich mit großem Energieaufwand organisatorische Maßnahmen für eine Ausgrabung vorzubereiten. Ich bat Herrn Dr. Artner mehrmals nach Krieglach, knüpfte Kontakte zur Familie Karner, die Besitzer des Karnerkogels, und versuchte auch bei der Frau Bürgermeister mit Unterstützung der Gemeinde das Ausgrabungsprojekt durchzuführen.


